Klaus Dörre: Kompass für einen nachhaltigen Sozialismus

Prof. Dr. Klaus Dörre

 

 

 

 

 

 

Vortrag mit Diskussion

(Freitag, 6.10.2023, 16.30 – 18.30h)

Klaus Dörre entwickelte seinen Vortrag entlang von 8 Thesen.

Sein Ausgangspunkt (These 1) war die Feststellung, dass sich der Kapitalismus für moderne, ausdifferenzierte, komplexe Gesellschaften nicht mehr rentiere, da der Aufwand dieses Wirtschaftssystem aufrecht zu erhalten immer größer werde. Der systemische Zwang zu expandieren – mit Rückgriff auf die Natur als Gratisressource – zeige sich zunehmend als ein „Imperialismus gegen die Natur“.

(These 2) Ein Sozialismus des 21. Jhs. müsse daher seine Überzeugungskraft aus der Notwendigkeit einer Nachhaltigkeitsrevolution beziehen. (These 3) Diese Notwendigkeit ergebe sich aus der gegenwärtigen ökonomisch-ökologischen Zangenkrise, in der die Generierung von Wirtschaftswachstum als wichtigstes Mittel zur Überwindung von wirtschaftlicher Stagnation und Pazifizierung innerer Konflikte zunehmend in ökologische und soziale Destruktivität umschlage.

Die Differenz bei der Emission klimaschädlicher Gase habe sich seit 1990 von einer Ungleichheit zwischen den reichen Industrieländern und den ärmeren Ländern zu einem Ungleichgewicht zwischen der reichen und der armen Bevölkerung in Entwicklungs- wie Industrieländern gleichermaßen verschoben (Channel 2022). Der Rückgang der Emissionen bei den unteren Klassen (diese blieben im Korridor der Pariser Vereinbarungen) werde durch deren Anstieg bei den (demografisch deutlich kleineren) reichen Bevölkerungsgruppen kompensiert. Ökologische Nachhaltigkeit müsse also mit sozialer Nachhaltigkeit einhergehen. Das laufende Jahrzehnt sei für die weitere Entwicklung entscheidend.

(These 4) Die 17 Social Developement Goals (SDGs) der UN stellten zwar den Kapitalismus nicht in Frage, sie seien aber hervorragend geeignet, Politiken normativ zu begründen, die eine Überwindung des Wachstumskapitalismus anvisieren.

(These 5) Die Begrenztheit des Erdballs und seiner Lebewesen stehe der Möglichkeit zu fortgesetzter, grenzenloser Marktexpansion entgegen. Deshalb müsse es zu einem Bruch mit dem kapitalistischen Besitz als vorherrschen dynamischem Prinzip kommen.

Hierfür müssten die Konturen einer ökosozialistischen Alternative möglichst klar gezeichnet werden. Als einige Kernelemente eines nachhaltigen Sozialismus nannte er:

  • das Umsteuern auf eine Wirtschaft, die langlebige Produkte ermöglicht
  • „demokratische Rückverteilung“ von oben nach unten und vom Zentrum in die Peripherie
  • Bruch mit dem kapitalistischen Besitz als vorherrschendem dynamischen Prinzip; stattdessen Miteigentum oder kollektives Eigentum, das Verantwortung beinhaltet
  • Umfassende Wirtschaftsdemokratie
  • Aufwertung sorgender und bildender Tätigkeiten
  • Stärkung der öffentlichen Daseinsvorsorge und Infrastrukturleistungen

„Sozialismus ist eine Lebensform“, so Klaus Dörre. Seine Umsetzung bestehe in der Entwicklung von Lebensweisen, die Erfüllung in der freien Assoziation mit anderen brächten, ohne dabei auf den eigenen Vorteil abzuzielen.

Mit Rekurs auf Immanuel Wallerstein hob Klaus Dörre hervor (These 6), dass die Phase des Niedergangs von Systemen gleichzeitig die eines Übergangs sei. Die Übergangsphase biete eine Offenheit für den Faktor des freien Willens, die es zu erkennen und zu nutzen gelte. (These 7) Zum Erfolg könne nur die Verbindung unterschiedlicher Strategien „vieler verschiedener Sozialismen“ führen. Daher gelte es, sich weltweit nach Ansätzen umzuschauen. Notwendig sei ein Labour Turn in den ökologischen Bewegungen und ein Climate Turn der Gewerkschaften, sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien. (These 8) Zugunsten transformativer sozialistischer Politik bedürfe es neuer Klassenbündnisse; diese seien sowohl möglich als auch nötig.

Näheres in der Präsentation zum Vortrag:

 

 

 

 


Literatur:

Dörre, Klaus: Die Utopie des Sozialismus. Kompass für eine nachhaltige Revolution. Berlin 2021: Matthes & Seitz

Dörre, Klaus/ Liebig Steffen/ Lucht, Kim/ Sittel, Johanna: Klasse gegen Klima? Transformationskonflikte in der Autoindustrie. In: Berliner Journal für Soziologie (20.12.2023) (full open access)