Peter Ullrich: Wissenschaftsfreiheit und Autoritärer Anti-Antisemitismus

Wissenschaftsfreiheit – so wenig sie jemals im emphatischen Wortsinne verwirklicht gewesen ist – steht unter Druck, zumal für manche gesellschaftskritische Perspektiven. Gegenwärtig befinden wir uns in der verstörenden Situation, dass ein fortschrittliches, humanistisches, zutiefst unterstützenswertes Ziel, der Kampf gegen Antisemitismus, in einer verunstalteten Form als „autoritärer Anti-Antisemitismus“ zu einem Katalysator und Motor andauernder Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit und auf Grund- und Freiheitsrechte im Allgemeinen wird und damit massiv bestimmte Formen von und Räume für Kritik erodiert. Diese paradox erscheinende Konstellation lässt sich durch das Konzept „autoritärer Anti-Antisemitismus“ fassen. Paradigmatisch wird sie deutlich an einem illustrativen Fall: der Besetzung eines Hörsaals an der Alice-Salomon-Hochschule durch palästinasolidarische Studierende sowie der damit verbundenen öffentlichen Reaktionen. Dieser Fall steht – in den Worten von Lilian Mauthofer und Jannis Grimm – sinnbildlich für die generelle „Versicherheitlichung der Hochschulen, die Protest als Gefährdung einstuft und den universitären Raum politisch entleert“, akademische Autonomie und Wissenschaftsfreiheit unterminiert, diskursive Räume verengt und dabei in einem regelrechten Kulturkampf bestimmte Forschungsansätze von rechts diffamiert – und damit prototypisch für den autoritären Anti-Antisemitismus.

Peter UllrichDr. phil. Dr. rer. med., Soziologe/ Kulturwissenschaftler, Technische Universität Berlin, ist Fellow am Zentrum für Antisemitismusforschung und Senior Researcher am Zentrum Technik und Gesellschaft, Mitglied im Institut für Protest- und Bewegungsforschung. Forschungsschwerpunkte: Politische Soziologie, Protest und Polizei/Überwachung, Antisemitismus, Antisemitismusdebatten und Antisemitismusverständnisse.

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Kontakt: ullrich@ztg.tu-berlin.de

Themenbezogene Veröffentlichungen:

Ullrich, Peter (2025): Autoritärer Anti-Antisemitismus und Wissenschaftsfreiheit. In: Lukas Geisler, Lars Hebisch, und Helena Schäfer (Hrsg.): Umkämpfte Universitäten/ Wissenschaften. Aspekte organisierter Halbbildung. Bielefeld: Trancsript (im Druck)

Ullrich, Peter (2025): Hochschulproteste zum Gaza-Krieg, autoritärer Anti-Antisemitismus und das Ende der Kritik. In: Marcus Hawel, Stefan Kalmring und Nina Schlosser (Hrsg.): Wozu noch kritische Wissenschaft. Work in Progress. Work on Progress, Bd. 15. Hamburg: VSA-Verlag

Ullrich, Peter (2025): Jerusalem Declaration on Antisemitism (Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus). Clio Online. Themenportal Europäische Geschichte. https://www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-154267

Ullrich, Peter/ Sina Arnold/ Anna, Danilina u.a. (Hrsg.) (2024): Was ist Antisemitismus? Begriffe und Definitionen von Judenfeindschaft. Bd. 8. Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart. Göttingen: Wallstein Verlag

Ullrich, Peter (2024): Identität, Differenz oder Affinität: Konzeptualisierungen des Verhältnisses von Antisemitismus und ‚Israelkritik‘. In:  Peripherie. Politik. Ökonomie. Kultur 44, Nr. 174/175: 204–13. Regal https://doi.org/10.3224/peripherie.v44i2.04.

Ullrich, Peter (2023): ‚BDS Today Is No Different from the SA in 1933’. Juridification, Securitisation and ‘Antifa’-Isation of the Contemporary German Discourse on Israel–Palestine, Antisemitism and the BDS Movement. In: Antisemitism, Islamophobia and the Politics of Definition, hrsg. von David Feldman und Marc Volovici. Springer International Publishing. https://doi.org/10.1007/978-3-031-16266-4_10

Ullrich, Peter (2022): With and without Jews: Two Families of Concepts of Antisemitism. In: Conflict & Communication Online 21, Nr. 1. https://regener-online.de/journalcco/2022_1/pdf/ullrich2022_engl.pdf

Ullrich, Peter (2022): Auf dem Weg zu einer allgemeingültigen Antisemitismusdefinition? – Drei säkulare Tendenzen hinter dem politischen Streit. In: Meron Mendel, Saba-Nur Cheema, und Sina Arnold (Hrsg.): FRENEMIES. Antisemitismus, Rassismus und ihre Kritiker*innen. Berlin: Verbrecher-Verlag

Mittlerweile über 450 Staaten, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen verwenden die „Arbeitsdefinition Antisemitismus“ der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und haben sie so als Quasi-Standard etabliert. Sie ist allerdings wegen ihrer teils vagen Formulierungen und ihrer nahostpolitischen Implikationen Gegenstand heftigster Kontroversen. Das verdeutlicht, wie schwierig die Suche nach einem allgemeinen Verständnis von Antisemitismus ist. Aber ist der Anspruch, einen verbindlichen Begriff von Antisemitismus zu etablieren, überhaupt sinnvoll oder realistisch?